Die Kraft des Wassers

Wer so nah an gewaltigen Wassermassen lebt, wird von ihrem Sog erfasst und nie mehr losgelassen. Symbolisch gesehen. Wer so nah an einem Wasserfall wohnt, hört ihn irgendwann nicht mehr. „Erst wenn wir von einer Reise zurückkehren“, sagt Dominique, „sind wir immer völlig überrascht von dem gewaltigen Tosen des Stuibenfalls.“ Bis die Familie sich nach einigen Stunden wieder gewöhnt hat an den ewigen Tinnitus im Ohr, der sie im positiven Sinne begleitet, Tag und Nacht, Jahr für Jahr. Wenn er sich in kurzer Zeit erholen will, sagt Dominique, geht er nicht etwa in die umliegenden Berge, die zum Greifen nah sind, sondern bleibt bei „seinem“ Wasserfall. Oder zumindest ganz in der Nähe. Damit er ihn sieht, hört und spürt. Weil er ihm guttut.

Dominique Gigon
Zur Person Dominique Gigon

Familienstand: verheiratet, drei Kinder
Tätigkeit: Wirt, Tiroler Bergwanderführer. Gelernter Beruf: Schriftmaler
Ehrenämter/Hobbies: Bergsteigen, Malen, Lesen, Geschichte

Zum Lieblingsplatz

Ausgangspunkt: Gasthof Stuibenfall
Gehzeit hin & zurück: 3 – 3 ½ Stunden
Schwierigkeitsgrad: mittel
Höhenunterschied: ca. 500 m

Er kam, sah und blieb

„Der Rundweg ist mein Sportplatz“, sagt Dominique mit charmant französischer Aussprache. Schon 1979 ist er mit einem Freund nach Niederthai gekommen - der erste Urlaub ohne Eltern. Und von da an immer wieder. Aber erst 1992 hat der gelernte Schriftmaler seine Erika kennengelernt, die ein Hähnchen für ihn gegrillt hat auf der Terrasse des Gasthofs und besser französisch sprach als er deutsch. Er verliebte sich in die heutige Wirtin des Gasthof Stuibenfall und… blieb.

Doch nur selten begleitet ihn Erika auf der Runde, zu tief sitzt in ihr noch die Furcht vor dem Bluatschink, der im Horlachbach lauert. Das schreckliche Ungeheuer war ein bewährtes Drohmittel der Eltern, um die Kinder vor leichtsinnigem Spiel im Bach abzuhalten, der mit hoher Geschwindigkeit in den Wasserfall mündet.

 

Geniale Komposition der Natur

„Etwa eine Stunde brauche ich für die Runde hinunter und hinauf. Spaziergänger schaffen es in etwa zwei Stunden.“ Wir starten am Gasthof auf der alten Niederthaier Fahrstraße, die von 1912 bis 1967 die einzige Verbindung bot für Autos und Busse nach Umhausen. „Als die neue Straße dann gebaut wurde, haben die Arbeiter oft bei der Oma in der Küche gehockt“, schmunzelt Dominique, „und getrunken, auch als der Durst schon längst gelöscht war.“ Noch hören wir das Rauschen des Horlachbachs, der sich erst weiter unten in eine kraftvolle Kaskade verwandelt. Die Täuschung ist perfekt, denn das leise Murmeln gipfelt bald in einem starkem Crescendo. Eine geniale Komposition der Natur!

 

Ganz Umhausen liegt uns zu Füßen

Mit der wechselnden Melodie des Wildbachs verändert sich auch der Blick: Gerade haben wir ihn noch gesehen, dann ist er wieder verschwunden. Stattdessen rücken andere optische Highlights in den Vordergrund, kaum dass wir aus dem Wald getreten sind: Die Ortschaft Köfels etwa, unterhalb des 3.079 m hohen Aussichtsberg Fundusfeiler gelegen. Perfekt sieht man von hier den Bergrutsch, der den Waldrücken Tauferberg vor knapp 10.000 Jahren an die Bergflanke auf der anderen Seite hochgedrückt hat. Und zum Schluss liegt uns ganz Umhausen zu Füßen. Immer wieder am Weg laden Bänke zum Rasten ein und der Rossbrunnen zum Trinken.

 

Die schwarze Madonna – eine Kostbarkeit

„Im Frühjahr gehe ich den Weg am liebsten, nach dem langen Winter brauche ich das Grün, das überall hervorsprießt. Und je tiefer ich komme, desto grüner wird es.“ Beschaulich ist es hier, kaum jemand ist unterwegs. Fast alle Wanderer gehen direkt entlang des Wasserfalls ins Tal. Nur ein paar Mountainbiker kommen uns entgegen, die meisten mit E-Motor, um die rund 400 Höhenmeter zu bewältigen. Bis zum Kurhotel führt die alte Straße, doch wir nehmen die Abkürzung über einen schmalen Steig durch den Wald, wo Fichten, Kiefern und Lärchen stehen und der einigen waghalsigen Bikern als Single Trail dient. Am Ende empfängt uns die schwarze Madonna in der Rattal Kapelle. Eine Kostbarkeit, die niemand entdeckt, der nur den direkten Zugang zum Stuibenfall sucht!

Ganz großes Kino

Sanft ansteigend führt jetzt der Steppsteigweg in Richtung Wasserfall, immer mit Blick auf die weite grüne Ebene von Umhausen und den Wenderkogel. Da der Weg nicht ganz unten am Fuß des Stuibenfalls mündet, haben wir bereits ein bisschen Höhe gewonnen. Mit Urgewalt donnert er uns entgegen – der höchste Wasserfall Tirols. Ganz großes Kino! Vor ein paar Jahren wurde der alte Wanderweg durch eine kühne Stahlkonstruktion parallel zum Wasserfall ersetzt, hautnah mit dem Element, das je nach Jahreszeit mit 610 bis 2.000 Liter pro Sekunde 159 Meter in die Tiefe stürzt. „Manchmal im Winter“, sagt Dominique, „ist der Stuibenfall vereist. Aber unter dem Eis fließt das Wasser weiter – immer.“

 

Positive Wirkung auf die Gesundheit

Die Kraft des Wassers scheint sich nicht nur auf die Kletterer zu übertragen, die sich auf dem familienfreundlichen Klettersteig links neben dem Stuibenfall nach oben arbeiten. Sie spornt auch die übrigen Wanderer an, über die Stahlkonstruktion 728 Stufen im Treppenturm – wahlweise auf zwei Hängebrücken und über fünf Aussichtsplattformen - nach oben zu steigen. Erst 2016 hat sie den alten Wandersteig abgelöst. Ganz nah kommen wir dem Wasserstaub auf der dritten - der „Ionenplattform“. Dominique breitet die Arme aus und atmet den „Stuiben“, der dem Wasserfall seinen Namen verlieh, ganz tief ein: „Es ist wissenschaftlich bewiesen“, sagt er, dass der Wasserstaub eine positive Wirkung hat auf die Gesundheit, besonders die Atemwege und den Kreislauf.“

 

Über dem Regenbogen

Ein Regenbogen spannt sich über die Schlucht, weit unter der natürlichen Steinbrücke im letzten Teil des Aufstiegs. Seit der Franzose zum ersten Mal nach Niederthai kam, bestimmt der Stuibenfall sein Leben, seine Gesundheit, seine Liebe, seine Wege. Dominique steht auf mit dem Tosen des Wildbachs und schläft ein mit dem Tosen des Wildbachs. Der Stuibenfall begleitet ihn durch seine Träume, der Stuibenfall hat mit magnetischer Wirkung dafür gesorgt, dass er sich seinem Sog nicht mehr entziehen kann.

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