Die (k)ältesten Spuren

Es ist schon mehr als 25 Jahre her, dass Ötzi aus dem Eis am Hauptkamm der Ötztaler Alpen geborgen wurde. Eine der ältesten Mumien der Welt ist durch Kälte am besten erhalten. Und so bleibt die Sensationsgestalt aus der Jungsteinzeit Forschungsobjekt von Archäologen, Medizinern und Kriminologen. Mit immer gefinkelteren Methoden ziehen sie immer neue Schlüsse aus Leben und Tod des Eismanns. Und schreiben so immer mehr Kapitel eines Alpenkrimis.

Laboruntersuchungen an Ötzi

Ärzte prüfen den Ötzi mit den aktuellsten Methoden auf Herz und Nieren. ©Südtiroler Archäologiemuseum/ Eurac / Samadelli / Staschitz

Autopsie eines Steinzeitmanns

Er war alt, er war krank. Das sind, knapp gefasst, die beiden ersten wissenschaftlich gesicherten Daten über den Ötzi. Nicht so prickelnd, oder? Spannend wird es, wenn der Archäologe Walter Leitner anfängt, mit vielen Details Licht ins Dunkel des vor 5000 Jahren zu Ende gegangenen Lebens eines Jungsteinzeitmenschen zu werfen.

„Mit rund 48 Lebensjahren war Ötzi älter als der Durchschnitt seiner Zeitgenossen“, erzählt er mir und ergänzt: „Gesund war der Ötzi aber nicht. Mit  modernsten Methoden haben die Mediziner in den letzten Jahren jedenfalls eine Menge Leiden diagnostiziert. Ötzi litt an Karies, Paradontose und Borreliose. Er hatte auch Gastritis, war infiziert mit dem Magenbakterium Helicobacter.“

Ötzi 3D

Täuschend echt: Die Rekonstruktion des Steinzeitmanns und seiner Kleidung. ©Südtiroler Archäologiemuseum / Ochsenreiter

Tattoos gegen Gallensteine und Rheuma

Dekorativer Hautschmuck? Schamanische Zeichen? Die mehr als 60 Tätowierungen auf Ötzis Körper gaben den Forschern lang Rätsel auf. Jetzt wissen sie es besser, auch dank des neuesten Tattoo-Funds nach einer Untersuchung mit Lichtquellen verschiedener Wellenlänge.

„Das Zeichen besteht aus vier kleinen Strichen auf einer Rippe und markiert den Gallenmeridian“, erklärt mir Walter Leitner, „Und Ötzi hatte drei Gallensteine. Das bestätigt die Vermutungen, dass Ötzis Tätowierungen der Linderung seiner Schmerzen dienen sollten. Er litt ja auch an Rheuma, hatte sehr verbrauchte Gelenke – andere Tätowierungen liegen an den Therapiepunkten dafür.“ Leitners Fazit: „Wir können durchaus davon ausgehen, dass die Menschen der späten Jungsteinzeit handfest Medizin und nicht nur Geisterbeschwörung betrieben haben.“

Walter Leitner

Der Innsbrucker Ötzi-Experte Walter Leitner

Forschergeist mit Tatendrang

Der Archäologe Walter Leitner hat als Professor an der Universität Innsbruck mehr als 25 Jahre lang teilgehabt an der Ötzi-Forschung aus allen akademischen Disziplinen. Als wissenschaftlicher Berater hat er die Gründung und den Ausbau des Freilichtmuseums Ötzi Dorfs und seine wechselnden Ausstellungen von Anfang an mit entwickelt, gestaltet und betreut.

Auch die Sonderausstellung 2016 im Ötzi Dorf zum 25. Jahrestag des Ötzi-Funds ist unter seiner Expertise entstanden – und übrigens auch noch in diesem Jahr zu besuchen. Im internationalen Wissenschaftler-Kollektiv zur Erforschung von Ötzi ist Walter Leitner ebenfalls bis heute aktiv.

Tod durch Mörderhand

Gedenkpyramide

Ötzi ist trotz aller seiner Gebrechen keines natürlichen Todes und schon gar nicht an Altersschwäche gestorben. 10 Jahre lang rätselten die Experten über die Todesursache, dann ergab eine Röntgenuntersuchung: Der Eismann starb durch einen Pfeilschuss in den Rücken. Gerichtsmediziner und Kriminologen treibt seither die Frage um: Was geschah am Tatort Tisenjoch? Das ist dank ausgeklügelter Untersuchungstechniken einigermaßen nachvollziehbar: Ötzi fühlte sich ruhig und sicher, breitete alle seine Habseligkeiten rund um sich aus und verspeiste kurz vor seinem Tod noch eine ordentliche Mahlzeit. “Der Magen war randvoll mit Körnerbrei, Muskelfasern von Rothirsch und Steinbock, Moos, Farn und Blättern“, berichtet Walter Leitner. Die Kriminologen fanden heraus, dass der Mörderschütze sein Opfer mit einem Pfeilschuss aus weiter Distanz aus dem Hinterhalt umbrachte. Die Verletzung hätte auch aus heutiger Sicht vermutlich schnell zum Tod geführt.

Was war das Mordmotiv?

Außer dem Tatgeschehen ist auch der Todeszeitpunkt von Ötzi immerhin halbwegs einzugrenzen. Er starb an einem Frühlings- oder Sommertag ungefähr 3.000 Jahre vor Chr. Das schließen die Wissenschaftler ebenfalls aus dem Mageninhalt. Unsere Steinzeitahnen aßen im Gegensatz zu uns immer nur saisonale Speisen. Warum der Eismann sein Leben lassen musste, bleibt einstweilen Spekulation: Eifersuchtsdrama? Machtkampf? Racheakt?

 

Wer hat den Ötzi gekillt?

Nix ist fix, nur das: Ötzi hatte eine schwere Verletzung an der Hand, die auf eine gewaltsame Auseinandersetzung Tage vor dem Mord hindeutet. Schon bewundernswert, was die Fachleute aus den eiskalten Spuren eines Mordfalls noch alles herauslesen können.

Doch wer war der Todesschütze? Sicher kein Räuber, sagen die Ermittler und Profiler, so einer hätte Ötzis Luxusklamotten und sein außergewöhnliches und kostbares Beil garantiert mitgehen lassen. Es war wohl einer, der den Ötzi jedenfalls, vielleicht auch um den guten Preis eines Auftraggebers, vernichten wollte oder musste. Gut, dass das Eis am Ötztaler Hauptkamm Ötzis sterbliche Überreste so gut erhalten hat, dass immerhin das Opfer weiter erforscht werden kann. Auch wenn geringste Hoffnung besteht, den Täter jemals zu finden: Sensationelles Wissen über unsere fernste Vergangenheit schenkt uns Ötzi allemal.

Untersuchungen an Ötzi

Ötzi bleibt das spektakulärste Forschungsprojekt des Alpenraums

Gastautorin Isolde v. Mersi

Isolde von Mersi stammt aus dem Südtiroler Pustertal und lebt in Wien. Als Reporterin und Buchautorin erkundet sie für deutsche und österreichische Magazine und Verlage die kulturellen, kulinarischen und naturgeschichtlichen Schätze der Alpenländer und ihrer Bewohner.

Im Ötztal fühlt sie sich durch ihre Arbeit für das ÖTZTAL MAGAZIN seit vielen Jahren zuhause und unter ziemlich besten Freunden.

Isolde v. Mersi
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