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Als Hilfshirtin mit 2000 Schafen über den Similaungletscher

Fast 2.000 Schafe überwinden Mitte September in endloser Reihe den Alpenhauptkamm. 515 Höhenmeter müssen sie auf dem alten Schafspfad – Teil der Via Alpina – über den Similaunferner bis zur Passhöhe des Niederjochs auf 3.019 Meter marschieren und danach 1.300 Höhenmeter wieder hinunter bis nach Vernagt am See. Vom Ötztal ins Schnalstal. Von Tirol nach Südtirol.

Im Einsatz als Hilfshirtin

Schon im Mai erreicht mich in der norddeutschen Tiefebene das Zauberwort aus den Bergen. Eine einzige Frage nur von den Schäfern: „Kimmschd?“ (kommst du?), die auch nur eine einzige Antwort zulässt: „Ja!“ Gemeint ist mein Einsatz als Hilfshirtin beim spektakulärsten Schafübertrieb der Welt, den ich seit vielen Jahren begleite.

Vor dem Aufbruch: Schafe bei der Martin-Busch-Hütte © Dagmar Gehm

Vor dem Aufbruch: Schafe bei der Martin-Busch-Hütte © Dagmar Gehm

Grandioser Sound der Berge

Manchmal liegt im September schon Schnee. Manchmal versinken Tier und Mensch im dichten Nebel. Oft ist es frühmorgens beißend kalt. Wenn die Hirten vor dem Aufbruch zum großen Treck frierend vor dem Pferch an der Martin-Busch-Hütte stehen und darauf warten, dass Chefschäfer Elmar Horrer sie als Streckenposten einteilt.

Wenn auch die Schafe langsam auftauen, die wie festgefroren dicht an dicht die Nacht im Stehen verbracht haben. Bis die erste Regung ihre Halsglocken in Bewegung setzt, ein leises Läuten erst, das anschwillt zum grandiosen Sound der Berge.

ZWEI MEGAHERDEN AN ZWEI TAGEN

Die Route des spektakulären Schafübertriebs folgt einem uralten Ritual: Ein Vertrag aus dem Jahr 1415, einsehbar im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck, sichert den Südtiroler Bauern die überlieferten Weiderechte auf den saftigen Höhenalmen in Tirol. „Insgesamt rund 3.000 Hektar im Tiroler Ötztal oberhalb des Bergdorfs Vent gehören Bauern aus ganz Südtirol“, berichtet Josef Götsch, Veranstalter des Übertriebs und Obmann der Agrargemeinschaft Niedertal, der sich 21 Bauern angeschlossen haben, die ein „Grasgeld“ für die Nutzung der Weiden entrichten müssen.

So tief verwurzelt in der bäuerlichen Tradition ist der uralte Viehtrieb, dass die „Transhumanz“ 2011 in das Nationale UNESCO-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen wurde. Und zwar gleich mit zwei Abtrieben: Über das Niederjoch und über das Hochjoch, inzwischen um nur einen Tag versetzt, damit Besucher möglichst beide Megaherden begrüßen können.

 

Hirten & Herde am Fuße des Similaunferners © Dagmar Gehm

Hirten & Herde am Fuße des Similaunferners © Dagmar Gehm

Der Bock ist bockig

Fünfmal hatte ich bereits den Übertrieb begleitet und mich jedes Mal stärker in die Arbeit mit eingebracht. Bis ich mich schließlich in die Mannschaft einspleißen durfte und die Schäferausrüstung verliehen bekam – die blaue, bestickte Schürze mit der Aufschrift „Schafalm Niedertal“ und den langen Hirtenstab. Mit meinem Outfit halten mich Besucher für eine typisch Südtiroler Hirtin. Nur sagen darf ich kein Wort, um mich nicht als „Piefke“ zu outen. Und das ist die schwerste Prüfung. Das eigentliche „Schäferexamen“ war allerdings auch kein Pappenstiel.

Rückblende. Der Bock ist bockig. Nicht einen Zentimeter weiter mag er gehen. Folgsam verharrt auch die übrige Herde auf der Stelle. Ich versuche, ihn anzuschieben und stemme mit aller Kraft. Doch der wilde Bursche mit dem zottigen Fell und den gebogenen Hörnern zeigt mir deutlich, wer hier das Sagen hat: er. Ich werde wütend. Zumal ich weiß, dass auf den Bergkämmen feixende Hirten mit Ferngläsern lauern.

Hilfshirtin Dagmar mit Schäferausrüstung: Der lange Hirtenstab darf auf keinen Fall fehlen! © Dagmar Gehm

Hilfshirtin Dagmar mit Schäferausrüstung: Der lange Hirtenstab darf auf keinen Fall fehlen! © Dagmar Gehm

FAST ALLES VERMASSELT

Schließlich hatte ich in den Tagen zuvor beim Zusammentreiben unzähliger Schafe von den weit auseinander liegenden Venter Almen zur Martin-Busch-Hütte auf 2.501 m fast alles vermasselt. Am Ende der Gletscherzunge des Marzellferners soll ich nun eine Splitterfraktion von 20 Tieren zur Hütte treiben. Ich packe den widerspenstigen Leithammel an den Hörnern und zerre ihn unter lauten Hoi-hoi-Rufen, dem traditionellen Ruf der Treiber, in die gewünschte Richtung. Bis er sich in Bewegung setzt. So schnell, dass ich der abtrünnigen Herde kaum folgen kann.

Immer wieder verlässt der eigensinnige Bock den Trampelpfad, um die Hänge hinauf zu preschen. Samt Gefolge. Mit dem langen Hirtenstab kann ich die Herde nur bedingt in Schach halten. Ein Hütehund wäre jetzt die Lösung, aber die Border Collies bleiben lieber bei ihren Herrchen, den echten Hirten. Ein schweißtreibender Job! Doch nach mehreren Kilometern habe ich das Gesellenstück bestanden. Die älteren „Schaafer“, wie es im Dialekt heißt, hauen mir kräftig auf die Schulter, die jungen klatschen ab.

Chefschäfer Elmar Horrer auf der Suche nach Schafen © Dagmar Gehm

Chefschäfer Elmar Horrer auf der Suche nach Schafen © Dagmar Gehm

Wollweiße Hänge

Schon im Sommer sind die Hänge im Ötztal weiß – wollweiß von tausenden von Schafen. Betreut von einem einzigen Schäfer. Die Nächte verbringt er in der schönen, neuen Schäferhütte, nur manchmal rastet er am Tage in einer 800 Jahre alten Hütte aus lose zusammen gefügten Steinen, die bis vor einigen Jahren dem jeweiligen Schäfer als Unterkunft gedient hat.

Mühsam ist die Arbeit an den Tagen vor dem eigentlichen Übertrieb. Um fünf Uhr morgens starten wir mit Stock und Stirnlampe auf glitschigen Pfaden in entlegene Almregionen – Schafe suchen. Weit schreiten die Männer aus, und weit lassen sie mich bald hinter sich. Irgendwann gibt es keinen Pfad mehr, nur noch Geröll. Keine Männer, keine Schafe.

Kehr um“, rufen sie mir noch zu. „Treib das alte Tier dort unten in den Pferch“. Ein kreuzlahmes Schaf, wie ich meine. Irrtum! „Alte Tiere zieht es immer bergab, weil’s leichter ist“, werde ich danach aufgeklärt. Inzwischen ist das steinalte Tier putzmunter die steile Böschung in Richtung reißenden Wildbach gesprungen. Und jedes Mal, wenn ich verzweifelt versuche, es einzufangen, noch ein Stück weiter bergab. Keine Chance, es wieder einzuholen. Der „Oberhirte“ straft mich mit Verachtung und fängt das abtrünnige Tier später selber ein. Peinlich!

 

Die Witterungsbedingungen verlangen von den Schäfern alles ab, von den Schafen aber auch © Dagmar Gehm

Die Witterungsbedingungen verlangen von den Schäfern alles ab, von den Schafen aber auch © Dagmar Gehm

Schafe aus dem Bach retten

Doch die Älpler sind nicht nachtragend. Sie haben genug damit zu tun, Schafe aus dem Niedertalbach retten oder den ertrunkenen Tieren die Ohren samt Kennmarke abzuschneiden, um sie später dem Besitzer als Beweis zu überreichen. Aufgaben, vor denen ich mich erfolgreich drücke. Stattdessen helfe ich Lecksteine zu salzengebrochene Läufe zu gipsen und neugeborene Lämmer mit bunten Punkten zu markieren, um sie – wie auch die übrigen Schafe – nach der Ankunft den Bauern zuordnen zu können.

Und immer wieder Lektionen. Zum Beispiel, als das Mutterschaf sein Neugeborenes nicht annehmen will und sich ausschließlich um das ältere Lamm kümmert. Und ich von Mitleid übermannt das klebrige Etwas in die Schürzenfalten wickeln will, um es zu wärmen. Wie immer wissen es die erfahrenen Schafbauern besser, ahnen, dass die Natur schon alles richten würde. Und tatsächlich hängt ein paar Stunden später das Lamm endlich an der mütterlichen Milchquelle.

Josef Götsch, der Obmann der Agrargemeinschaft Niedertal © Dagmar Gehm

Josef Götsch, der Obmann der Agrargemeinschaft Niedertal © Dagmar Gehm


EIN BIS ZWEI PROZENT FRISST DER BERG

In der Dämmerung des Vorabends gehen wir nochmal durch den Pferch, die jüngsten Lämmer zu markieren und Verletzte für die Rückkehr per Transporter auszusortieren. Meine liebste Stunde. Wenn die menschenentwöhnten Tiere nach und nach Nähe zulassen und ich ihnen Heu und Zweige aus dem Fell zupfen kann.

Inzwischen ist eine Reihe weiterer Treiber vom Schnalstal aufgestiegen. Noch sind sie unterwegs, um in den steilen Hängen nach versteckten Tieren zu suchen. Nicht alle werden gefunden. In ein paar Tagen muss Elmar vom Schnalstal aus nochmal aufsteigen, um den Rest zu finden. Doch „ein bis zwei Prozent frisst der Berg“, heißt es. Damit müssen ihre Besitzer leben.

Ein schwarzes Schaf ist wohl immer dabei! © Dagmar Gehm

Ein schwarzes Schaf ist wohl immer dabei! © Dagmar Gehm

 

Herde und Bergwanderer in Schach halten

Samstag, acht Uhr morgens. Jeder Treiber bekommt seine Position beim Übertrieb zugewiesen. Vor der Herde, neben ihr oder dahinter. Niemals mittendrin. „Das schlimmste Problem“, sagt Elmar, „sind zunehmend undisziplinierte Bergwanderer. Die plötzlich mitten durch die Herde laufen, so dass die Schafe ausbrechen.“

Schon einmal ist es passiert, dass bei der geplanten Pause zu Füßen des Similaungletschers die Tiere kehrt machten und zurückliefen. Stunden hat es gedauert, um sie wieder in die richtige Richtung zu bugsieren.

Auf gefährlich schmalen Serpentinen

Endlich setzt sich der lange Tross aus Treibern, Schafen und Hunden in Bewegung. Unkoordiniert zuerst, dann, wie durch einen unsichtbaren Trichter gelenkt, bahnt sich die Karawane geordnet den Weg in Richtung Similaunferner. Von uns, den Streckenpfosten, durch Bachfurten geleitet, von Hirtenhunden aus Felshängen gebellt.

Während die Schafe die geräumten Pfade benutzen, stolpern wir durch unwegsames Gelände aus lockerem Geröll und großen Felsbrocken. Schnell „fahren“, wie die Schäfer sagen, die Tiere auch über den eisigen Gletscher, vorbei an der Similaunhütte auf der Passhöhe und dann wie Perlen an der Schnur auf gefährlich schmalen Serpentinen, steilen Hängen und durch tiefe Schluchten wieder bergab.

Mit zwei Lämmern Huckepack Richtung Tal © Dagmar Gehm

Mit zwei Lämmern Huckepack Richtung Tal © Dagmar Gehm

HIRTENFEST BEI ANKUNFT

Zwei Lämmer werden unterwegs geboren und in Kraxen ins Tal getragen. Schon mit Blick auf den tief unter uns liegenden Stausee von Vernagt wird die traditionelle Schäfermarende, die Jause, eingelegt. Ein Bild wie aus einer anderen Zeit. Untermalt vom eigenen Schellenkonzert weiden die Tiere auf der weitflächigen Alm, während oberhalb die Hirten Scheiben von dicken Brotlaiben schneiden und sie mit Speck belegen.

Auch ich bekomme einen kräftigen Schluck Roten direkt aus der Flasche zu trinken. Und darf nach der glücklichen Ankunft von Tier und Mensch in Vernagt im Schnalstal beim zünftigen Wiesenfest mit dem traditionellen Peitschenknallen, dem Schnalser Schnalzen, kräftig mit ihnen feiern. Wie alle Schafbauern, die ihre Tiere jetzt in Empfang nehmen, mit blauer Schürze, Filzhut und Hirtenstab. Als fünftes Gliedmaß inzwischen fest mit mir verschweißt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im August 2016.

Dagmar Gehm

Gastautorin Dagmar Gehm

Die Hamburger Journalistin und sportliche Globetrotterin ist langjähriger Fan des Ötztals, weil sie sich der Faszination der Kontraste nicht entziehen kann:

  • Action – Abgeschiedenheit,
  • Rausch der Geschwindigkeit – Relaxen in der Ruhe,
  • uralte Rituale – trendige Hotspots.